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Getreide im Hundefutter: Fakten statt Mythen

  • Autorenbild: Hundefutter Check
    Hundefutter Check
  • 15. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit


Kaum ein Thema polarisiert die Hundefutter-Diskussion so stark wie Getreide. Die einen halten es für einen minderwertigen Füllstoff, der nichts im Hundenapf verloren hat, die anderen sehen es als sinnvollen Energielieferanten mit durchaus positiven Eigenschaften. Zwischen Marketingversprechen und Halbwissen gehen die wissenschaftlichen Fakten häufig unter. Dieser Beitrag ordnet ein, was die Forschung über Getreide in der Hundeernährung tatsächlich sagt — jenseits von Trends und Ideologie.


Können Hunde Getreide verdauen?


Die kurze Antwort lautet: Ja, und zwar deutlich besser als viele Hundehalter annehmen. Im Gegensatz zu Wölfen verfügen domestizierte Hunde über eine signifikant höhere Amylase-Aktivität — jenes Enzyms, das für die Aufspaltung von Stärke in verwertbare Einfachzucker verantwortlich ist. Genetische Studien, allen voran die vielzitierte Untersuchung von Axelsson et al. aus dem Jahr 2013, haben gezeigt, dass die Fähigkeit zur Stärkeverdauung ein zentraler Bestandteil der Domestikation war. Hunde haben sich im Laufe von Tausenden Jahren Koexistenz mit dem Menschen an eine stärkehaltigere Ernährung angepasst, was

sie in diesem Punkt deutlich von ihren wilden Vorfahren unterscheidet.


Konkret besitzen Hunde im Vergleich zu Wölfen eine deutlich höhere Kopienzahl des AMY2B-Gens, das für die Produktion von Pankreas-Amylase kodiert. Zudem zeigt der Dünndarm domestizierter Hunde eine erhöhte Maltase-Aktivität, die für die weitere Aufspaltung der Stärkeabbauprodukte zuständig ist. Das bedeutet: Der Hund ist evolutionär auf die Verwertung von Stärke vorbereitet — nicht in dem Ausmaß wie der Mensch, aber in einem ernährungsphysiologisch relevanten Umfang.


Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Hund jede Getreideart gleich gut verträgt. Die Verdauungskapazität variiert individuell, auch zwischen verschiedenen Rassen gibt es Unterschiede in der AMY2B-Kopienzahl. Reis und Hafer gelten als besonders gut verträglich und leicht verdaulich, während Weizen bei empfindlichen Hunden häufiger zu Unverträglichkeiten führen kann. Gerste und Hirse nehmen eine Mittelposition ein und werden von den meisten Hunden problemlos vertragen, sofern sie nicht im Übermaß gefüttert werden.


Getreide als Füllstoff — berechtigt oder übertrieben?


Der Vorwurf, Getreide sei ein billiger Füllstoff ohne Mehrwert, ist differenziert zu betrachten — denn er ist in manchen Fällen berechtigt, in anderen aber übertrieben. Tatsächlich nutzen einige Hersteller hohe Getreideanteile primär, um den Fleischanteil zu reduzieren und die Produktionskosten niedrig zu halten. In diesen Fällen steht Getreide oder eine Getreidemischung an erster Stelle der Zutatenliste, während tierisches Protein deutlich unterrepräsentiert ist. Wenn die Hauptzutat eines Hundefutters Mais oder Weizen ist und Fleisch erst an dritter oder vierter Stelle auftaucht, ist die Kritik an der Zusammensetzung durchaus angebracht.


Gleichzeitig ist ein moderater Getreideanteil nicht automatisch problematisch und kann ernährungsphysiologisch sinnvoll sein. Vollkornreis liefert komplexe Kohlenhydrate und ist besonders gut verdaulich, weshalb er auch in tierärztlichen Diätfuttern häufig eingesetzt wird. Haferflocken enthalten wertvolle Ballaststoffe, B-Vitamine und Mineralstoffe. Hirse ist glutenfrei und reich an Silizium und Eisen. Diese Getreidesorten leisten als ergänzende Komponente in einem fleischbasierten Futter einen sinnvollen Beitrag zur Gesamternährung.


Entscheidend ist und bleibt das Verhältnis: Getreide als ergänzende Energiequelle in einem Futter mit hohem tierischem Proteinanteil ist etwas grundlegend anderes als Getreide als kostengünstiger Hauptbestandteil mit ein wenig Fleisch als Geschmacksgeber. Die Zutatenliste und die analytischen Bestandteile geben hierüber Aufschluss — vorausgesetzt, man weiß sie zu lesen.


Glutenunverträglichkeit beim Hund — ein reales, aber seltenes Problem


Gluten ist ein Sammelbegriff für Speicherproteine in bestimmten Getreidesorten, insbesondere Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel. Beim Menschen ist die Zöliakie — eine autoimmune Reaktion auf Gluten — ein gut dokumentiertes Krankheitsbild. Beim Hund ist eine echte Glutenunverträglichkeit hingegen äußerst selten. Die bekannteste dokumentierte genetische Glutensensitivität bei Hunden betrifft den Irish Setter, bei dem eine spezifische genetische Prädisposition für gluteninduzierte Enteropathie nachgewiesen wurde. Für die überwiegende Mehrheit der Hunderassen gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg für eine Glutenunverträglichkeit.


Das bedeutet nicht, dass individuelle Unverträglichkeiten gegen Weizenprotein nicht vorkommen können — sie sind als Futtermittelallergie grundsätzlich möglich, aber eben gegen das Protein als Allergen gerichtet, nicht gegen Gluten als spezifische Proteingruppe. Die Unterscheidung mag akademisch klingen, ist aber praktisch relevant: Ein Hund, der auf Weizenprotein reagiert, verträgt möglicherweise Dinkel oder Gerste ebenfalls nicht — oder eben doch, je nachdem, welches spezifische Protein die Reaktion auslöst.


Getreidefreies Futter — automatisch besser?


Der Trend zu getreidefreiem Hundefutter hat in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen. In den Regalen des Fachhandels nehmen Grain-Free-Produkte mittlerweile einen erheblichen Anteil ein, und viele Hundehalter greifen intuitiv zu diesen Produkten in der Annahme, ihrem Hund damit etwas Gutes zu tun. Dabei wird häufig übersehen, dass getreidefreie Futter das Getreide in der Regel nicht einfach weglassen, sondern durch andere Kohlenhydratquellen ersetzen müssen — denn auch Trockenfutter braucht einen gewissen Stärkeanteil, um die Kroketten in Form zu halten.


Typische Ersatzkohlenhydrate sind Kartoffel, Süßkartoffel, Erbsen, Linsen, Kichererbsen oder Tapioka. Diese Alternativen sind nicht per se hochwertiger als Getreide und können in hohen Mengen eigene Probleme verursachen. Hülsenfrüchte etwa enthalten Phytinsäure, die die Aufnahme bestimmter Mineralstoffe hemmen kann, und Oligosaccharide, die bei empfindlichen Hunden zu Blähungen und Verdauungsbeschwerden führen können. Kartoffel und Süßkartoffel haben einen höheren glykämischen Index als viele Getreidesorten und lassen den Blutzucker schneller ansteigen.


In den USA hat die FDA — die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde — ab 2018 Untersuchungen eingeleitet, nachdem ein möglicher Zusammenhang zwischen bestimmten getreidefreien Futtersorten mit hohem Hülsenfruchtanteil und dem Auftreten der dilatativen Kardiomyopathie bei Hunden beobachtet wurde. Die dilatative Kardiomyopathie ist eine schwere Herzerkrankung, bei der sich der Herzmuskel ausdehnt und an Pumpkraft verliert. Betroffen waren auffällig häufig Rassen, die genetisch nicht für diese Erkrankung prädisponiert sind.


Die genauen Ursachen sind wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Eine Hypothese ist, dass bestimmte Hülsenfrüchte die Aufnahme oder den Stoffwechsel von Taurin — einer für die Herzfunktion wichtigen Aminosäure — beeinträchtigen könnten. Andere Forscher vermuten Zusammenhänge mit der Gesamtzusammensetzung der Futter oder mit spezifischen Verarbeitungsmethoden. Unabhängig vom endgültigen Ergebnis zeigt die Diskussion deutlich: „Getreidefrei" ist keineswegs gleichbedeutend mit „gesünder", und der pauschale Verzicht auf Getreide kann unter Umständen mehr Probleme schaffen als lösen.


Wann ist getreidefreies Futter tatsächlich sinnvoll?


Es gibt klare Indikationen für eine getreidefreie Ernährung. Hunde mit einer tierärztlich diagnostizierten Allergie gegen ein spezifisches Getreideprotein profitieren selbstverständlich von einem Futter ohne die auslösende Zutat. Auch bei bestimmten Verdauungsstörungen kann der Verzicht auf einzelne Getreidesorten sinnvoll sein. Wichtig ist dabei die Betonung auf „diagnostiziert" — eine Vermutung, ein Internetforum oder der Rat eines Laien reichen nicht aus, um weitreichende Ernährungsumstellungen zu rechtfertigen.


Eine saubere Ausschlussdiät unter tierärztlicher Begleitung ist der einzige zuverlässige Weg, eine echte Futtermittelallergie gegen Getreide zu identifizieren. Dabei wird der Hund für mindestens acht Wochen auf eine Proteinquelle und eine Kohlenhydratquelle gesetzt, die er zuvor noch nie erhalten hat. Erst wenn sich die Symptome während dieser Phase bessern und bei Wiedereinführung des verdächtigen Getreides erneut auftreten, gilt die Diagnose als gesichert.


Für den Großteil der gesunden Hunde ist ein moderater Getreideanteil im Futter unbedenklich und kann sogar ernährungsphysiologisch wertvoll sein. Die Entscheidung zwischen getreidefrei und getreidehaltig sollte nicht auf Basis von Marketingtrends oder ideologischen Überzeugungen getroffen werden, sondern auf Grundlage der individuellen Verträglichkeit, der Gesamtzusammensetzung des Futters und — im Zweifelsfall — einer tierärztlichen Empfehlung.

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